Wenn der Job zu viel wird: Diese Hilfeoption kennen wenige

Gestresster Mann im Buero unter Papierflut als Sinnbild fuer Ueberlastung vor dem betrieblichen Eingliederungsmanagement

Jobdruck, private Krisen, emotionale Erschöpfung – wenn zu viele Baustellen gleichzeitig brennen, bleibt oft nur Rückzug. Doch was viele nicht wissen: In vielen Unternehmen existiert eine stille Hilfestellung, die genau für solche Situationen geschaffen wurde. Das sogenannte EAP-Programm (Employee Assistance Program) ist ein externer Unterstützungsdienst für Beschäftigte – diskret, professionell, kostenfrei. Wie es funktioniert, warum kaum jemand darüber spricht und warum gerade jetzt der Bedarf steigt – genau darum geht’s in diesem Beitrag.


Was steckt hinter dem Konzept?

Das EAP Programm steht für Employee Assistance Program – ein freiwilliges Unterstützungsangebot, das Unternehmen ihren Beschäftigten zur Verfügung stellen. Es umfasst psychologische Beratung, rechtliche Orientierung, Unterstützung bei finanziellen oder familiären Herausforderungen sowie Gesundheitscoaching.

📌 Kernidee: Mitarbeitende erhalten schnelle Hilfe bei persönlichen oder beruflichen Belastungen – vertraulich und ohne bürokratische Hürden. Die Beratung wird von externen, spezialisierten Anbietern durchgeführt und ist für Beschäftigte kostenfrei.

🔒 Datenschutz garantiert: Weder Führungskräfte noch HR erhalten Einblick in die Inhalte – nur die Nutzung wird anonym erfasst.

Warum kennen es so wenige?

Trotz der Vorteile wissen viele Beschäftigte nichts vom EAP. Das liegt oft an mangelnder interner Kommunikation. Unternehmen erwähnen das Angebot einmal im Intranet oder bei der Einführung – und dann gerät es in Vergessenheit.

Weitere Gründe:

Grund für Unwissenheit Erklärung
Fehlende Sichtbarkeit EAP wird nicht aktiv beworben oder kommuniziert
Skepsis & Scham Viele befürchten, als „nicht belastbar“ abgestempelt zu werden
Unklare Zuständigkeiten Mitarbeitende wissen nicht, wo und wie sie das Angebot nutzen können
Geringe Bekanntheit generell EAP ist in Deutschland noch vergleichsweise jung

Wer kann das Angebot nutzen?

Das Angebot richtet sich an alle Beschäftigten, in manchen Fällen auch an deren Familienangehörige. Der Zugang erfolgt meist über eine Hotline oder ein Online-Portal. Häufige Themen, mit denen sich Ratsuchende an ein EAP wenden:

  • Stress und Überlastung

  • Konflikte im Team

  • Partnerschaftsprobleme

  • Erziehungsfragen

  • Suchtverhalten

  • Finanzielle Notlagen

  • Burnout-Verdacht

Was EAP nicht ist: keine Krankenkasse, kein Ersatz für eine Therapie – aber oft der erste wichtige Schritt dorthin.

Symbolische Darstellung von Mitarbeiterunterstuetzung im betrieblichen Eingliederungsmanagement, bunte Figuren in schuetzenden Haenden

Vorteile für Beschäftigte – und fürs Unternehmen

Für Mitarbeitende:

  • Schnell verfügbare Hilfe – ohne lange Wartezeiten

  • Absolute Vertraulichkeit

  • Niedrigschwelliger Zugang zu qualifizierter Beratung

Für Unternehmen:

  • Geringere Fehlzeiten

  • Stärkere Mitarbeiterbindung

  • Besseres Betriebsklima

  • Früherkennung von Krisen

Zahlreiche Studien zeigen: Jeder Euro, den ein Unternehmen ins EAP investiert, kann das Drei- bis Fünffache durch reduzierte Ausfallkosten einsparen.

Wie läuft eine EAP-Beratung ab?

  1. Kontaktaufnahme (Telefon/Online)

  2. Klärung des Anliegens durch geschulte Berater

  3. Erste Hilfestellung oder Weiterleitung an Spezialisten

  4. Optional: Folgetermine oder Coaching

Der Zugang ist in der Regel rund um die Uhr möglich – ein großer Vorteil gegenüber klassischen Beratungsstellen.

Warum EAP genau jetzt relevanter wird

Die Arbeitswelt hat sich gewandelt. Remote Work, ständige Erreichbarkeit, Personalengpässe – all das verstärkt psychische Belastungen. Die WHO geht davon aus, dass psychische Erkrankungen bis 2030 die häufigste Krankheitsursache weltweit sein werden. Unternehmen, die präventiv handeln, setzen nicht nur auf Menschlichkeit, sondern auch auf wirtschaftliche Vernunft.

Laechelnde Frau im Beratungsgespraech zum betrieblichen Eingliederungsmanagement, Handschlag am Arbeitsplatz


Interview mit einem EAP-Berater: „Viele wissen gar nicht, dass sie Anspruch auf Hilfe haben“

👤 Gesprächspartner:
Andreas Scholz, Diplom-Psychologe und EAP-Berater seit über zehn Jahren bei einem deutschlandweit tätigen Anbieter.

Frage: Herr Scholz, was genau machen Sie als EAP-Berater?

Andreas Scholz: Wir unterstützen Menschen in belastenden Lebenssituationen – beruflich wie privat. Das kann ein Teamkonflikt sein, eine Ehekrise, ein Burnout-Verdacht oder eine finanzielle Notlage. Ich bin meist die erste Ansprechperson. Wir klären gemeinsam das Problem, ordnen es ein und überlegen dann, welche Schritte sinnvoll sind.

Frage: Wie läuft ein solcher Erstkontakt typischerweise ab?

Andreas Scholz: Die meisten melden sich telefonisch oder über ein anonymes Online-Formular. Oft herrscht erstmal Unsicherheit: „Bin ich hier überhaupt richtig?“ Ich nehme mir Zeit, höre zu, stelle gezielte Fragen. Manchmal reicht ein einmaliges Gespräch. In anderen Fällen leite ich weiter an Fachleute oder begleite über mehrere Wochen.

Frage: Welche Themen begegnen Ihnen besonders häufig?

Andreas Scholz: Ganz vorne steht Überlastung – also Stress, der chronisch geworden ist. Viele fühlen sich zwischen Beruf und Familie zerrieben. Auch Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen sind ein großes Thema. Immer häufiger sprechen Menschen auch über Einsamkeit oder depressive Verstimmungen.

Frage: Wie stellen Sie sicher, dass alles vertraulich bleibt?

Andreas Scholz: Absolute Vertraulichkeit ist der Kern des EAP. Ich habe keinerlei Kontakt zur Personalabteilung oder zur Führungskraft der Ratsuchenden. Wir arbeiten extern. Was gesagt wird, bleibt unter vier Augen. Auch wenn das Unternehmen die Beratung finanziert – es erfährt nichts über Inhalte oder Namen.

Frage: Was sagen Sie Menschen, die Angst haben, als „nicht belastbar“ abgestempelt zu werden?

Andreas Scholz: Ich sage: Hilfe annehmen ist Stärke, keine Schwäche. Wer überfordert ist und trotzdem weitermacht, riskiert Schlimmeres – körperlich wie seelisch. Viele sind danach erleichtert, dass sie sich geöffnet haben. Es tut gut, verstanden zu werden, ohne bewertet zu werden.

Frage: Was wünschen Sie sich von Unternehmen?

Andreas Scholz: Mehr Mut zur aktiven Kommunikation. Viele Firmen haben ein EAP, aber keiner weiß davon. Dabei könnten schon kurze Hinweise in der Mitarbeiterversammlung, auf Postern oder im Intranet viel bewirken. Es muss normal sein, über Hilfe zu sprechen.

Frage: Und was möchten Sie Beschäftigten mitgeben?

Andreas Scholz: Wenn der Job zu viel wird oder das Private alles überlagert – reden hilft. EAP ist kein Luxusangebot, sondern ein echter Rettungsanker. Oft reicht ein Gespräch, um wieder klarer zu sehen. Und dafür sind wir da.


Neue Stärke durch diskrete Hilfe

EAP ist mehr als eine nette Zusatzleistung – es ist ein echtes Sicherheitsnetz. Gerade in belastenden Phasen kann eine neutrale, professionelle Beratung der entscheidende Faktor sein, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Wer ein EAP Programm nutzt, beweist keine Schwäche, sondern Selbstfürsorge und Weitblick.

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